Stig Dagerman
Unser nächtlicher Badeort. Erzählungen
Gleich mit seinem Romandebüt Die Schlange wurde der Schwede Stig Dagerman (1923-1954) 22jährig in den Geniestand gehoben. Seine Begabung, Komplexes transparent zu machen, ohne Abgründe kleinzureden, war einzigartig. Warum Dagerman bis heute Kult ist, zeigt eine Sammlung seiner besten Erzählungen.
Vieles in den 16 Erzählungen ist autobiografisch grundiert. Nur die heftigen Selbstzweifel und tiefen Depressionen, die ihn mit 31 in den Tod trieben, sparte «Schwedens Rimbaud», wie Dagerman auch genannt wurde, aus.
In Szenerien, so dicht, als wären sie in einer Schneekugel gefangen, erzählt Stig Dagerman von harten und aussichtslosen Leben und von Menschen, die daran Schaden nehmen und diesen Schaden weitergeben, oft, ohne es zu merken.
Dagerman war überzeugter Existentialist und Radikaldemokrat. Und er machte kaum einen Unterschied zwischen seinen Artikeln und Reportagen für die anarchosyndikalistische Zeitung «Arbetaren» und seiner Literatur. So besticht seine berühmteste Reportage, Deutscher Herbst von 1946 aus dem kriegsversehrten Deutschland, journalistisch genauso wie literarisch.
Die Fülle an Details, die gleichzeitige Verknappung, die intensiven Stimmungen und die Genauigkeit in soziologischen und psychologischen Belangen finden sich auch in Dagermans Erzählungen. Diese sind zudem so vielschichtig, dass man sie immer wieder anders lesen kann.
Zärtlichkeit und Sarkasmus
Zum Beispiel Pökelfleisch und Gurke. Neunjährige, selbst nicht aus den besten Verhältnissen, mobben einen Mitschüler, der noch ärmer ist als sie. Dieser weiss sich nur durch Schandtaten zu helfen, was Beschämung und Strafe durch den Lehrer nach sich zieht. Aber dann hat er einen glücklichen Moment.
Er hat Tafelkreide geklaut, beide Hosentaschen voll, also wird es wohl was setzen. Aber der Junge kommt «fröhlich» aus der Tür und verkündet seinen Mitschülern: «Ich durfte die Kreide behalten. Der Lehrer hat mich nur an den Haaren gezogen, der Mistkerl. Es fängt mit einer Stecknadel an und endet mit einer Silberschale, hat der Lehrer gesagt. Aber die Kreide durfte ich behalten.»
J. M. G. Le Clézio nannte Stig Dagerman in seiner Nobelpreisrede von 2018 ein Vorbild und pries seine «Mischung aus jugendlicher Zärtlichkeit, Naivität und Sarkasmus». In einer Erzählung wie Pökelfleisch und Gurke streut diese Mischung im Subtext in alle Richtungen. Bis man zum Beispiel erkennt: Fast noch tragischer als die Chancenlosigkeit des Jungen ist der Umstand, dass er sie einen Moment lang vergisst.
Surreale Sinnsuche
Die Erzählungen in Unser nächtlicher Badeort werden zunehmend surreal. Themen wie Schuld, Scham, Eifersucht und Lebenslügen nehmen immer verrücktere Wendungen. Die bizarrste Geschichte steht am Schluss und ist eigentlich ein Romananfang, den Stig Dagerman nach langer Schreibblockade schliesslich zuwege brachte. Wenig später nahm er sich das Leben.
Die Geschichte heisst Tausend Jahre bei Gott und vereint grellen Schabernack, verzweifelte Sinnsuche, Wissenschaftskritik und vieles mehr. Die Erzählung beginnt so: «Gott besucht Newton 1727». Gott in Menschengestalt, müde und desillusioniert, sucht eines Nachts Rat bei Newton. Kurz darauf ist der Ausnahmephysiker tot, was das Gezerre um seine Theorien erst recht befeuert.
So (alb)traumähnlich die Geschehnisse auch sind, Stig Dagerman erzählt sie konzis, mit poetischen Einschüssen, scharfem Humor und seinen typischen kleinen, traurigen Sätzen. «Das Wunder», erklärt Newton Gott, möge gewissen Menschen - wenn auch falsche - Hoffnung geben, «aber das Herz der Welt, Sire, lässt es unberührt.»